Geh Denken

Weitere Infos zu Partizipativ Erinnern und dem Sommercamp in  Duderstadt

Partizipativ Erinnern

Die Veranstaltung in der Gedenkstätte für die Opfer der Euthanasiemorde in Brandenburg an der Havel, stand unter dem Motto „Partizipativ Erinnern“. Unter diesem Leitsatz haben wir versucht vorhandene Beteiligungsstrukturen (Best-Praxis Beispiel) aufzuzeigen und Möglichkeiten eigener Formate der Erinnerungskultur zu entwickeln. Dieses Vorhaben ist uns aus unserer Sicht sehr gut gelungen.

Best-Praxis Beispiel

Die Gedenkstätte in Brandenburg bietet, in Kooperation mit der Lebenshilfe Brandenburg-Potsdam e.V., Tandem-Führungen an. Hier haben Besucher*innen der Gedenkstätte die Möglichkeit Führungen mit Guides mit Behinderungen (Lernschwierigkeiten) und einem*er Mitarbeiter*in der Gedenkstätte zu buchen. Dieses Angebot richtet sich sowohl an Besucher*innengruppen mit Behinderung/Beeinträchtigung, als auch an Besucher*innengruppen ohne Beeinträchtigung. Diese Führungen sind neben den qualifizierten inhaltlichen Informationen in leichter Sprache, insbesondere durch das Engagement der Guides mit Lernschwierigkeiten und deren Gefühlen und Emotionen zur Geschichte des Nationalsozialismus geprägt. Für „Gefühle und Emotionen“ sorgt die eigene Betroffenheit von Menschen mit Behinderung, wenn sie über Opfer aus ihrer eigenen Gruppe berichten. Die Führungen legen somit den Schwerpunkt auf die Opfer. Die Führungen sind beeindruckend und nachhaltig.

Eigene Formate der Erinnerungskultur

Der Kellerkinder e.V. steht in seiner eigenen Tradition von Selbstvertretung, für eine partizipative Beteiligung an gesellschaftlichen Prozessen die Themen von Behinderung und Beeinträchtigung betreffen. Diese Ausrichtung begründet sich in der Forderung der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK), eine aktive Beteiligung von Menschen mit Behinderung an allen relevanten, sie betreffenden Prozessen zu haben.

Das Erinnern an die Opfer der „Euthanasie“ und Zwangssterilisation im Nationalsozialismus sehen wir also als unser Anliegen.

Formate, an denen sich Menschen mit Behinderung/Beeinträchtigung beteiligen, benötigen angemessene Vorkehrungen und Barrierefreiheit (UN-BRK). Neben Gebärdensprachdolmetscher*innen und der leichten Sprache, stehen für diese Forderungen auch ein angemessenes Umfeld, in dem ein Austausch über Geschichte und deren Auswirkungen im Heute möglich ist. Der Ort (in unserem Projekt unser Zelt) in dem wir versuchen eine Atmosphäre zu kreieren, die die Hürden einer Behinderung/Beeinträchtigung verringern, ist eine notwendige Voraussetzung für eine erfolgreiche Aktion. Diese Form angemessener Vorkehrungen bedeutet, dass während des Angebotes immer ein*e Ansprechpartner*in vor Ort ist und einzelne Teilnehmer*innen begleitet, wenn das Thema zu schwer wird. Aber auch ein leckeres Süppchen, gemeinsames Beisammensein und Freude und Spaß an einem „Ort des Grauens“ ermöglicht eine positive Beteiligung.

Unser Angebot umfasste drei Programmteile über drei Tage.

Zwei Workshops

In den Workshops stellten wir 5 Videokameras bzw. Fotoapparate zur Verfügung. Die Aufgabe der Teilnehmer*innen bestand darin, sich dem Gedenkort mit den Kameras zu nähern. Ziel war es nicht, die Ausstellungen zu reproduzieren, sondern denen aus dem Gedenkort entstandenen Gefühlen auf vielfältige Weise Ausdruck zu verleihen.

Aus diesen Workshops entstanden ein Video und eine kleine Ausstellung. Weitere Infos siehe Anlage.

Veranstaltung mit Podiumsdiskussion

Sowohl das Video, als auch die Ausstellung, wurden vor Ort erstellt und zur Veranstaltung am Sonntag der Öffentlichkeit im Veranstaltungszelt zugänglich gemacht.  Die anschließende Podiumsdiskussion mit Hr. Dusel (Beauftragter der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderung), Eva Buchholz (Vertreterin der Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben e.V.), Christian Marx (Mitarbeiter der Gedenkstätte), Thomas Künneke (Kellerkinder e.V.) und zwei Guides der Lebenshilfe stand unter dem Thema „Partizipativ Erinnern“.

Dieses trialogische Format (Menschen mit Behinderung, Gedenkstättenmitarbeiter*innen, Vertreter*innen der (Behinderten-)Politik), zum Thema der Beteiligung von Menschen mit Behinderung/Beeinträchtigung an der Erinnerungskultur, hatte das Ergebnis, den Ansatz weiter aktiv zu unterstützen und auszubauen. Eine Zusammenfassung der Podiumsdiskussion wird im Dezember als Video veröffentlicht.

 

Sommercamp in Duderstadt

Multiplikatoren der Erinnerung / Gedenkzelt

Das Sommercamp in Duderstadt vom 12.08. bis  17.08.2018 ist eine Veranstaltung des Bildungs- und Forschungsinstituts zum selbstbestimmten Leben Behinderter (bifos e.V.) an dem über 120 Aktivist*innen aus dem behinderungspolitischen Bereich miteinander über behinderungspolitische Themen diskutieren und in kreativen Workshops ihr Miteinander stärken.

Wir haben in den Jahren unseres behinderungsübergreifenden Engagements feststellen müssen, dass das Erinnern an die Opfer der „Euthanasie“ und Zwangssterilisation im Nationalsozialismus in der Behindertenbewegung teilweise auf große Ängste stößt und eher verdrängt wird. Zu berücksichtigen ist auch, dass unterschiedliche Behinderungsgruppen im Nationalsozialismus der Ausgrenzung und Vernichtung nicht im gleichen Masse ausgesetzt waren.

Hypothesen

  1. Schon vorhandene Selbstvertretungsorganisationen vor 1933 und die damit verbundene Öffentlichkeit hat die Nationalsozialisten dazu veranlasst, einige Gruppen von Menschen mit Behinderung, die einen gewissen Grad an Selbstorganisation aufwiesen, nicht im gleichen Ausmaß einer Vernichtung zuzuführen.
  2. Behinderungen, die insbesondere Folge von Kriegseinwirkungen des 1. Weltkrieges waren, standen eher für einen „Heldenstatus“.
  3. Ein christlicher Fürsorgegedanke und humanitäre Einstellungen in der Bevölkerung waren für die Nationalsozialisten der Grund, die grausame Vernichtungspraxis im Geheimen zu vollziehen.
  4. Die Unterscheidung in lebenswert oder lebensunwert, war in vielen Fällen an der Arbeitsleistung und den Kosten für die Gesellschaft orientiert.

Diese Hypothesen wurden mit den anderen Aktivist*innen in kleinen Diskussionsrunden in unserem Gedenkzelt erörtert. Dies gab Anlass für viele Besucher*innen Verbindungslinien im Heute zu erkennen.

Es sei nochmal betont, dass die Situation von Menschen mit Behinderungen im Heute mit der Geschichte des Nationalsozialismus in keiner Form zu vergleichen ist, aber nicht gerechtfertigte Stigmatisierungen obliegen immer noch alten Vorurteilen.

Das Thema der Arbeitsfähigkeit, unterschiedliche gesellschaftliche Kosten von unterschiedlichen Behinderungen, fremdbestimmte Fürsorge statt gesellschaftlichem Gewinn durch Vielfalt, gesellschaftlich akzeptierte und nichtakzeptierte Behinderungen und die fehlende Stärke der Selbstvertretung führen immer noch zu Ausgrenzungen von Mensch mit Behinderung/Beeinträchtigung aus unserer Gesellschaft.

Die Auseinandersetzung mit der Geschichte dient somit dem Verständnis vom Heute!

Über diese Themen konnte wir viele Aktivist*innen der Behindertenbewegung an das Thema „Geh Denken“ heranführen. In Kombination mit der Internetseite www.gedenkort-t4.eu, haben sich daran anschließend viele Teilnehmer*innen über das Thema auch in ihrer näheren Lebensumgebung informiert.

Wir halten den Gedanken, Multiplikatoren für das Thema zu gewinnen, für notwendig und wichtig. Das Sommercamp gab uns die Möglichkeit andere Aktivist*innen für das Erinnern an die Opfer der „Euthanasie“ und Zwangssterilisation im Nationalsozialismus zu sensibilisieren und sich zu engagieren.

 

Menschen mit Behinderung lesen Biographien der Opfer der „Euthanasie“

aus: www.gedenkort-t4.de

Wir haben im Vorfeld des Sommercamps die teilnehmenden Aktivist*innen dazu eingeladen, Biographien von Opfern der „Euthanasie“ zu lesen.

Die Einladungen waren sowohl in schwerer, als auch in leichter Sprache verfasst.

Die Lesungen wurden mittels Videoaufnahmen aufgezeichnet. Neben dem gelesenen Wort blenden wir in den Videos biographische Daten der Leser*innen ein. Die Videos werden barrierefrei erstellt. Das heißt die Videos haben einen Untertitel, werden mit Gebärdensprache ergänzt und eingeblendeter Text wird in Lautsprache wiedergegeben.

Die Videos werden Teil unseres Gedenkzeltes.

Die Idee dieses Formats der Erinnerung, basiert auf dem Gedanken Verständnis dafür zu entwickeln, welchen großen Verlust der Mord an Menschen mit Behinderung für die Vielfältigkeit der Nachkriegsgesellschaft hatte.

Heute lebende Menschen mit Behinderung zeigen, wie „lebenswert“ die ermordeten Menschen mit Behinderung waren und, dass ihr Tod der Gesellschaft Ressourcen genommen hat.